NOSTALGIE

Aus den Anfängen der Seniorenbewegung in der Leichtathletik.

WAVA - Christchurch, NZL, 7-14 Januar 1981 (Stadion)

Bereits die Planungen zur 4. World Veterans Championships in Christchurch wurden mit gewissen Zweifeln durchgeführt. War es überhaupt möglich, dass genügend Wettbewerber nach Neuseeland kommen würden - am anderen Ende der Welt, um diese Großveranstaltung auch zu einer würdigen Weltmeisterschaft zu machen?

Aber dann - zur Freude aller Beteiligten waren es letztendlich 2400 Veteranen aus 51 Ländern, die miteinander in fairer sportlicher Art um die Plätze kämpften - wer hätte das derzeit für möglich gehalten.

Nicht nur John MacDonald und sein enthusiastisches Organisationskomitee sorgten für ein schönes Treffen, auch die Menschen Neuseelands zeigten sich als aufrichtige und wunderbare Gastgeber. John MacDonald und sein Freund Derek Turnbull gehörten zu den vielen Einheimischen, die zur Freude des Veranstalters großartige Leistungen vollbrachten.

Nicht nur John Gilmour und die 700 Australier standen immer im Blickpunkt des Geschehens, sondern auch der große Teil der Europäer, die die lange Reise hierher gemacht hatten.

Allerdings vermissten wir einige bekannte Gesichter von den bisherigen WMs, wie Jack Greenwood-USA, der es nicht geschafft hatte zu kommen; aber noch betroffener machte uns die Meldung, dass Duncan MacLean im Vormonat im Alter von 96 Jahren gestorben war. Er wird uns immer als Inbegriff des guten Sportgeistes in Erinnerung bleiben.

Don Farquharson wurde zum WAVA-Vorsitzenden gewählt - die Stimmen als Vizepräsidenten erhielten Hans Axmann und Jacques Serruys, Harm Hendricks wurde Schatzmeister und Jean ONeill Repräsentant der Frauen. Die spezielle Position des Exekutiv-Vizepräsidenten wurde Roland Jerneryd zugeordnet, während das Sekretariat von Owen Flaherty (GBR) übernommen wurde. Die weiteren Änderungen der kontinentalen Repräsentanten waren der Olympiateilnehmer von 1948 Herman Figueroa (CHI) für Südamerika und Clem Green (NZL), der Ozeanien vertreten durfte.


World Veterans Championships


CHRISTCHURCH/NZL 1981

NEUSEELAND, allein dieser Name regte unsere Fantasie an. 1642 wurde die Inselgruppe, bestehend aus einer Nord- und einer Südinsel, von dem holländischen Seefahrer Abel Tasman entdeckt und 1769 von Captain Cook kartografiert. Die eigentliche Besiedlung fand erst etwa 1830 statt - also ein noch relativ "junges" Land.

Doch was war das für ein Land? Wie wird die Bevölkerung auf die Senioren reagieren, die in an der WM teilnehmen werden?

Es wurde ein Erlebnis der ganz besonderen Art, das alles, was danach kam, in der Erinnerung ein wenig verblassen lässt. Zunächst das herrliche Land, mit seinen 30 „Alpengipfeln“ von über 3000m Höhe und seinen glasklaren Seen. Ein Land, indem man morgens Skifahren kann, um am Nachmittag an einem der vielen Strände baden zu gehen. Die Entfernungen sind relativ gering und . . . alleine, um dieses Land zu beschreiben, brauchte man einen gesonderten Bericht.

Alles was diese Neuseeländer taten, war durchdacht und ansprechend - es fing bereits mit der einfachen Durchführung dieser Spiele an und endete immer wieder bei der herzlichen und hilfsbereiten Art dieser Menschen, wenn kleine Probleme auftraten. Zunächst aber war der Weg dorthin schlichtweg ein Unternehmen der besonderen Art.

Auf dem Flug nach Bombay wurde das Neue Jahr 1981 in der Luft mit Sekt "willkommen geheißen". Weiter ging es über Perth (auftanken) nach Melbourne. Dort hatten wir (u.a. rund 60 teilnehmende Senioren und Seniorinnen aus Deutschland) 8 Stunden Zeit, unsere bereits müden Glieder ein wenig zu bewegen. An Schlaf im Flughafen war kaum zu denken, obwohl uns die Müdigkeit in allen Gliedern lag.

Von Melbourne waren es "nur noch" 3 Stunden bis Christchurch - alles in allem 28 Stunden. Da dieser Flug abends zuvor ab Frankfurt gestartet worden war, hatten die Meisten bereits mehr als 40 Stunden nicht oder kaum geschlafen - deshalb jetzt nur noch ein Bett. Die meisten Athleten wurden in einer Uni untergebracht - schlicht und ergreifend.

Am kommenden Morgen wurde diese andere Welt, in der die Sonne im Norden steht, zunächst bei einem neuseeländischen Frühstück in der Mensa der Uni von einigen ein wenig argwöhnisch begutachtet - auch wenn es ein wenig spartanisch war, so doch letztendlich zu aller Zufriedenheit. So wie die Neuseeländer von sich sagen: Wir wollen nur Mittelmaß sein - wir konnten noch so einiges lernen von ihnen. Ein herrliches Mittemaß: Freundlich, immer hilfsbereit, keine Hektik und wunderbar unbekümmert.

Ein Beispiel: Zunächst mussten auch wir uns auf der Fahrt mit dem Bus an das Ende der Warteschlange anstellen, denn man hatte ja Zeit - viel Zeit! Bereits auf dieser ersten Fahrt durch die Stadt konnten wir die Hilfsbereitschaft sehr deutlich empfinden. Eine Selbstverständlichkeit für die Busfahrer war es, den Frauen, die ihren Kinderwagen außen vorn am Bus eingehängt hatten, bei der Abnahme behilflich zu sein.

Als unsere Gruppe den Busfahrer beim Ausstieg nach dem weiteren Weg fragte, stieg er ebenfalls mit aus, ging ein Stück des Weges mit und schaute uns danach gelassen hinterher. Als wir uns noch einmal umschauten, hob er winkend die Hand. Erst dann stieg er wieder ein und weiter ging es - niemand der übrigen Fahrgäste hatte sich beschwert.

Christchurch, eine Stadt, die von allem etwas anzubieten hatte, wunderschöne Parks für Besucher, die Zeit zum Ausruhen und Genießen hatten, und die sich an den bis ins Wasser hängenden Weiden des Flusses Avon, der sich hier hindurch schlängelte, erfreuen konnten.

Aber diese Zeit hatten wir im Moment nicht. Wir waren Europäer - uns interessierte derzeit die Sportarena, in der unsere Wettkämpfe stattfinden werden - die andere Seite des Landes kam uns erst später zu vollem Bewusstsein. Das Stadion lag in der Nähe des Meeres, und entsprechend windig war es dann dort auch während der ganzen Zeit unseres Aufenthalts, obwohl eine riesige Bretterpalisade dem Stadion Schutz gewähren sollte.

Viele Kontakte mit der Bevölkerung wurde bereits in den ersten Tagen wahrgenommen, aus denen sich spätere Freundschaften entwickelten.

Für uns Athleten war es etwas besonderes an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen - die wenigsten hatten bisher eine Veranstaltung in dieser Größenordnung von über 50 teilnehmenden Ländern miterlebt, schon gar nicht eine, die am anderen Ende der Welt nur für uns Senioren ausgetragen wurde. Zwangsläufig wurde abends, während wir gruppenweise in unseren Wohneinheiten in der Uni zusammen saßen und Tee oder Kaffee tranken, auch von den kommenden Ereignissen gesprochen - u.a. von den ganz "Großen unseres Seniorensports".

Auch ein Olympiateilnehmer, der bereits an 5 Olympischen Spielen teilgenommen hat, ist da - Urs Von Wartburg ist bereits zu Lebzeiten zu einer Speerwurflegende in der Schweiz geworden. Ausgerechnet gegen ihn sollte ich mich später beweisen. Wie sich später herausstellte ein wunderbarer Mensch und Sportsmann, den ich dann bei den folgenden WMs immer wieder gern getroffen, und mich mit ihm ausgetauscht habe.

Die frühere 800m-Weltklasseläuferin Antje Gleichfeld, die mit uns zusammen im gleichen Bereich wohnte, zeigte sich kurz vor ihren Läufen bereits ein wenig nervös, da sie ihre Gegnerinnen aus früheren Zeiten kannte - später zeigte sich, dass dies auch gerechtfertigt war. Sie gewann nur hauchdünn den 800m-Endlauf - vor Robinson/NZL und Knott/USA.

Ein Nachzügler, der uns am folgenden Morgen mit einem Riesenspektakel weckte, war "unser" Günter Plücker. "Hör mal, hör mal, mein Flugzeug war weg, darum komme ich erst jetzt! - ich bin vielleicht sauer"!

Die Reisegesellschaft, mit der Günter von Frankfurt aus am 31. Dezember fliegen sollte, hatte vergessen, ihn rechtzeitig zu benachrichtigen, dass sein Flug 2 Stunden vorverlegt wurde. Er kam auf Umwegen (London) mit einem Tag Verspätung und mit dem Bauch voller Wut an - Gesprächsstoff gab es nun genug.

Da die Eröffnung erst am 07. Januar stattfinden sollte, hatten wir, eine Gruppe von 12 Personen, noch genügend Zeit, einen Sonderflug zur Nordinsel zu chartern - das Ziel hieß Rotorua.

Die bewohnte Maorisiedlung inmitten der brodelnden Quellen, das hatten wir nicht erwartet und wurde nachhaltig bestaunt. An den Schwefelgeruch mussten wir uns allerdings erst gewöhnen. Auch an den Humor von Günter Plücker, der uns empfahl unsere Frauen "geräusch- und spurlos" in der wabernden Masse zu versenken - eine einmalige Gelegenheit, wie er meinte. Er war derzeit nicht gut auf sie zu sprechen.

Bereits am kommenden Morgen wurde ein Bad im hauseigenen Pool, der aus der heißen Quelle gespeist wurde, genommen - diese zweitägige Exkursion gehörte für uns zu einem bleibenden Erlebnis.
Etwas für uns Europäer Unfassbares geschah dann auf dem Rückflug. Kurz vor dem Abflug kam noch eine 20-köpfige japanische Teilnehmergruppe in die Maschine. Die Sitze dieser Propellermaschine waren mit Lammfell überzogen - sie strahlte durch die weitere Innenausstattung einen Hauch der Gemütlichkeit aus. Wer wollte, der konnte in die Führerkanzel des Flugzeuges gehen, um die fantastischen Eindrücke des Landes frontal zu genießen.

Während des Fluges wurde dem Kapitän auch erzählt, dass wir Teilnehmer an der Weltmeisterschaft in Christchurch sind - daraufhin änderte er kurz vor der Landung den vorgegebenen Kurs und überquerte, vom Meer herkommend, das Stadion - bei dieser Ehrenrunde konnten wir von oben her den eigentlichen Grund unserer Reise betrachten - nirgendwo auf der Welt hätte das geschehen können, außer in NZL.

Am 7. Januar folgte als erstes eine schlichte, aber nicht minder eindrucksvolle Eröffnungsfeier.

In den folgenden Tagen gab es ausreichende neue Eindrücke von NZL zu verarbeiten - angenehme aber auch weniger eindrucksvolle Bilder. Hindernislaufen, in dem ältere "Athleten" reihenweise untertauchten, im wahrsten Sinne des Wortes, oder das darauffolgende "Hinwegkrabbeln" über die Hindernisse war nicht angetan, um von ästhetischen Eindrücken zu sprechen.

Beim diesem Lauf wurde erstmalig bei einer WM gegen die Teilnahme der Südafrikaner (Apartheid/Rassentrennung) demonstriert. Mehrere schwarzgekleidete Neuseeländer, mit Spruchbändern versehen, versuchten die Hindernisse von der Laufbahn zu befördern. Natürlich wurde diesem Geschehen durch die Ordner bald ein Ende bereitet - aber der schale Gesamteindruck blieb.

Was mir derzeit besonders positiv auffiel, war, dass viele der gerade älteren deutschen Senioren uns damals noch relativ jungen z.T. Erstteilnehmern bei allen möglichen Wettbewerben mit Rat und Tat zur Seite standen, Beifall klatschten und uns aufmunterten - es war ein Eintauchen von uns jüngeren in eine Gemeinschaft, die man heute leider vermisst.

Bei der Durchführung der Cross- und Langstreckenläufe konnte man feststellen, dass sie zu den Höhepunkten dieser Spiele gehörten und zumeist von Neuseeländern und Australiern beherrscht wurden.

Aber auch die deutsche Mannschaft hatte wieder absolute Leistungsträger in ihren Reihen - eindrucksvoll für mich als Neuling dabei die Siegerehrungen, besonders, da ich mit Urs von Wartburg/SUI aufs Treppchen durfte.

Die überragenden deutschen Teilnehmer/innen waren:
Der vierfache Gewinner Günter Hesselmann (M55), der in die Phalanx der Neuseeländer und Australier einbrach - er gewann die 1500m, 5000m, 10.000m und den Cross Country sowie Ännchen Reile (W65), die in den Wettbewerben Hoch, Kugel, Diskus, Speer und dem Pentathlon dominierte.

Die meisten deutschen Goldmedaillen kamen durch Werfer zustande:
Peter Speckens (M45), Karl-H. Flecke, der Athlet, der im Flugzeug 2 Sitze benötigte (M40), Richard Rzehak (M50), er gewann die seltene Kombination von Hammer und Speer; Karl-H. Wendel (M50), Hermann Hombrecher (M55), Hans Röcken (M40), der ewig optimistische Adolf Koch (M60), Gerhard Schepe (M65), Hans Schneider (M65), Robert Sattler (M70), Berno Wischmann (M70), Almut Brömmel (W45), Marianne Hamm (W50), Ilse Pleuger (W55) sowie die "Küken" in der deutschen Mannschaft Dorit Breul (W35) und Erika Springmann (W35).

Heinz Thomann entschied den Weit- und Dreisprung für sich. Weitere Gewinner dieser Spiele waren natürlich Fritz Assmy (M65) 100m und 200m, Lieselotte Säuberlich (W55); Hella Werner (W45), Käthi Diener (W45); Elisabeth Haule (W60) 100, 200, 400; Fritz Helber (M75) 5000m, 10000m, Cross; Johanna Luther (W65) 5000m, Cross;

Werner Schallau (M40), Werner Krücken (M50), Walter Kern (M65), Max Streubel (M70) und Christiane Wippersteg (W50) entschieden den Fünfkampf in ihren jeweiligen AK für sich.

In der Erinnerung werden diese Wettkämpfe als die "Spiele des Miteinander" bleiben, obwohl auch hier in harten Zweikämpfen bis zum absoluten Grenzbereich gekämpft wurde.

Nach der WM 1987 in Melbourne haben wir, eine Gruppe von etwa 16 - 20 Athleten, überwiegend Geher, dieses Land von der Nordinsel bis zur Spitze der Südinsel ein zweites Mal ausgiebig bereist, und der Eindruck war der gleiche wie beim ersten Mal - es ist absolut empfehlenswert dieses Land - mit oder ohne Sport - zu bereisen.

Auch Gerda Bornwasser, die während ihrer aktiven Zeit mindestens 10 internationale Medaillen weltweit im Gehen gewonnen hat, zog es 2007 zum dritten Besuch nach NZL - das Geherehepaar Heinz und Gerda feierte dort ihre Goldene Hochzeit.

Ein Traumland und ...
wir waren mittendrin.